Kugelrund und komplett – eine Übung zum Sich-sein-Lassen

Dipl.-Psych. Melanie Ehrhardt, 19.08.2026

 

Im Eintrag „Die Kunst einer guten Beziehung - Sich sein lassen“ wurde deutlich, dass Korrekturen, Verbote und Partnererziehung beide Partner in ein Diskussions-Treibsandfeld lockt; je mehr Sie strampeln, desto weniger können Sie sich bewegen, bleiben auf dem bisherigen Standpunkt stecken und kommen nicht mehr fort. Tief eingesunken gilt: Jetzt bloß nicht den Kopf hängen lassen. Schon mal Sand gekaut?

 

Egal, ob tief im Treibsand oder noch auf sicherem Boden, möchte ich Sie herzlich einladen, sich in einer kleinen Übung als komplett wahrzunehmen – eine Möglichkeit, sich aus dem Treibsand zu befreien und wieder mit festem Boden unter den Füßen gemeinsam einen Weg zu finden.

Die Übung ist kurz und knackig und kann im Alltag nach Belieben und Bedarf wiederholt werden – auch in beruflichen, familiären und allen anderen Situationen, in denen es nach innerer Beruhigung und Sicherheit verlangt.

Schließen Sie die Augen, wenn Sie mögen. Atmen Sie ein paar Mal tief durch. Die nächsten zwei, drei Minuten gehören nur Ihnen und dem Bild, das sich innerlich ergibt.

 

Wenn Ihnen das Schließen der Augen oder die Vorstellung einer Kugel unangenehm ist, lassen Sie die Augen geöffnet oder verändern Sie das Bild so, dass es für Sie stimmiger wird. Sie können die Übung jederzeit unterbrechen und Ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Raum um sich herum richten.

 

Eintauchen

Stellen Sie sich vor, wie Sie in der Mitte einer Kugel sitzen – die Kugelmembran kann vor schützendem Licht angenehm leuchten oder eine durchsichtige Schicht Gummi sein, oder aus wärmender Luft bestehen. Sie kann glitzern, glänzen, wabern – was immer Ihnen in den Sinn kommt und gefallen mag.

 

Machen Sie sich bewusst: Diese Kugel gehört zu Ihnen. Sie sind diese Kugel.

Sie sind vollständig – würde etwas fehlen, wäre die schöne Kugelform ja nicht mehr gegeben. Alles ist gut so. Egal, was Sie irgendwann mal an sich selbst bearbeiten möchten: Die Kugel, in der Sie sich befinden, bleibt die Kugel. Kugeln können nicht umkippen. Ihre Kugel behält ihre Form.

 

Schauen Sie, welche Größe Ihre Kugel hat. Ganz weit und viel Raum? Oder lieber dicht an Ihnen dran? Spielen Sie damit – je nach Tagesform und Bedarf kann auch Ihre Kugel größer oder kleiner ausfallen.

Spüren Sie mal rein – vielleicht fühlt es sich angenehm an. Oder ungewohnt. Wie gefällt Ihnen der Gedanke, eine komplette Kugel um sich zu haben, ein komplettes Wesen zu sein? Niemand kann die Kugel wegnehmen und nur durch Sie selbst kann sie nach Belieben wachsen oder schrumpfen, ihr Leuchten und ihre Farbe verändern. Spielen Sie gern damit herum.

 

Der andere auch

Stellen Sie sich den anderen genauso vor. In etwas Abstand zu Ihnen steht der andere, ebenfalls in der Mitte einer Kugel. Die ist ja auch komplett!

Vielleicht möchte der andere in der Kugel auch etwas an sich ändern, sich entwickeln, neue Erfahrungen machen, aber auch dessen Kugel bleibt kugelig… eben komplett.

 

Betrachten Sie beide Kugeln: Jede ist für sich vollständig – und dennoch dürfen sie einander nah sein. Komplettheit schließt Verbundenheit nicht aus. Sie macht Begegnung erst möglich, ohne dass einer den anderen vervollständigen muss.

 

Welche Gedanken kommen Ihnen beim Betrachten des Gegenübers? Wie fühlt es sich für Sie an, den anderen ebenfalls als komplett zu sehen?

Nehmen Sie sich die Zeit, einfach hinzuschauen und zu beobachten. Machen Sie sich klar: Sie können nichts an dessen Kugel ändern, nur derjenige selbst.

Ist es erleichternd, nichts mehr machen zu müssen? Oder beklemmend, nichts machen zu können?

 

Aus dem Treibsand zum Tanz

Und jetzt werden wir mutig: Sie können sich bewegen, ihre Kugeln halte Sie beide jeweils in ihrer Mitte. Ihre Kugel begleitet Ihre Bewegung und hält Ihnen Ihren eigenen Raum offen. Schauen Sie, ob sich darin ein Gefühl von Sicherheit oder Beweglichkeit entwickeln kann.

 

Kugeln verhaken sich nicht, keine Ecken, keine Kanten, keine Stellschrauben notwendig – selbst wenn die Kugeln sich ganz nah kommen, sich berühren, gleiten sie wunderbar aneinander vorbei und beginnen, sich umeinander zu drehen.

Tanzen Sie. Gleiten Sie gemeinsam durch die Gegend. Vielleicht treibt der Wind Sie gemeinsam durch die Gegend.

Beide gemeinsam und doch jeder in sich komplett. Es ist nichts zu tun, außer gemeinsam durch die Gegend zu kugeln. Lassen Sie sich einfach sein – sich selbst und den anderen.

 

Vielleicht wird manchmal eine kleine Kurskorrektur notwendig, um nicht in unterschiedliche Richtungen zu rollen – außer, Sie wollen das.

Selbst ein Aneinanderprallen muss nicht das Ende des Tanzes sein. Manchmal entsteht daraus eine neue Richtung. Beide bleiben sie selbst, rollen ein Stück auseinander und können wieder zueinanderfinden.

 

Wie fühlt sich der gemeinsame Tanz an? Wohin tanzen Sie? Schweben Sie langsam durch Raum und Zeit, düsen Sie durch die Luft, geht es dynamisch zu wie im Flipperautomat?

Welche Möglichkeiten ergeben sich für Sie selbst? Spüren Sie den Raum in der Kugel für sich selbst? Oder eher die Navigation im Tanz? Oder beides?

Woran merken Sie, dass Sie gerade noch tanzen – und nicht schon geschoben werden oder selbst jemanden schieben?

 

Spüren Sie hinein, wo es für Sie etwas zu ergründen gibt. Gönnen Sie sich den Genuss, für sich selbst und gemeinsam einfach zu sein. Verweilen Sie allein oder gemeinsam so lange Sie möchten…

 

Wieder ankommen

Sobald Sie möchten, begeben Sie sich auf den Landeanflug. Atmen Sie noch ein oder zwei Mal angenehm durch, gönnen Sie sich ein Lächeln und öffnen Sie die Augen. Spüren Sie hinein: Wie fühlen Sie sich jetzt, da Sie sich an Ihre unkaputtbare Komplettheit erinnert haben?

 

Sie strahlen so, haben Sie gerade etwas Zeit für sich genossen?

 

Die Kugel im Alltag

Kleine Übungen erheitern den Alltag – Sie können diese Übung einfach immer und überall machen. Im Straßenverkehr bitte aufmerksam bleiben und die Augen offen halten!

Im Grunde aber dürfen Sie sich immer und überall, in jeder Situation an sich und Ihre komplette Kugel erinnern.

Schlecht gelaunte Kollegen? Ein blöder Lehrer? Abenteuerliche Autofahrer? Aufregendes Gewusel auf der Familienfeier? – Sie alle sitzen in Ihren Kugeln und Sie selbst sitzen in Ihrer eigenen. Ihr Raum. Nicht alles, was von außen kommt, muss darin einen dauerhaften Platz bekommen.

 

Und mit wem möchten Sie tanzen?

Auch hier gilt: Jeder darf seine Kugel haben und behalten. Manchmal ist es aber sicherlich besser, Tanz und Tanzpartner zu ändern, nämlich immer dann, wenn es übergriffig, gewaltvoll und missbräuchlich wird oder wenn Sie aus anderen Gründen nicht mehr mittanzen möchten. Man muss nicht alles erdulden!

Kümmern Sie sich um sich und Ihre Kugel – wenn nötig auch mit Hilfe und Unterstützung.

 

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